„Wenn ein Mensch geboren wird ist er bereits neun Monate alt“ (chinesisches Sprichwort)

04:15 Uhr. Der Wecker klingelt. Ich liege schon ein paar Minuten wach im Bett, drehe mich zur Seite. Dein Papa ist auch schon wach. Wir stehen auf, ich gehe in die Küche, schalte die Kaffeemaschine ein. Ein letztes Mal möchte ich in aller Stille früh morgens meinen Kaffee trinken. Ein letztes Mal, bevor ich Mama werde. Wir reden an diesem Morgen nicht viel, genießen die „Ruhe vor dem Sturm“. Die Kliniktasche ist gepackt, alle wichtigen Dinge sind im Auto verstaut. Ich gehe ins Bad, ziehe mich an, mache mich fertig für den großen Tag. Und da ist diese Hoffnung. Diese eine Hoffnung, dass es doch noch natürlich los gehen wird. Doch eines weiß ich: egal ob es natürlich passiert, oder eingeleitet wird. In den nächsten Stunden werde ich dich zur Welt bringen. Wenn wir in ein paar Tagen an diesen Ort zurückkehren, werden wir das als Familie tun. Dann werden wir zu dritt sein. Du, ich und dein Papa.

Auf der Fahrt ins Krankenhaus sind meine Gedanken leer. Ich starre aus dem Fenster, beobachte, wie die Landschaft an mir vorbeizieht. Beim Krankenhaus angekommen, steht uns ein fast leerer Parkplatz zur Verfügung. Kein Wunder, es ist gerade einmal 05:30 Uhr. Ich steige aus, vernehme den warmen Sommerduft, der in der Luft liegt. Wie im Urlaub, denke ich. Nur, dass ich heute nicht in einem Hotel einchecke, sondern im Krankenhaus, um mein Kind zu bekommen. Um dich zu bekommen. Wir betreten den Eingangsbereich, erfüllen alle Corona-Maßnahmen, melden uns beim Portier. Unser altes Leben lassen wir nun endgültig hinter uns.

Wir erreichen die Geburtenstation, dort werden wir schon erwartet. Zwischen CTG (Herzton-Kontrolle) und Wehenschreiber bekomme ich alle zwei Stunden eine Tablette, die die Wehen auslösen soll. So bestreiten wir den Vormittag. Immer an meiner Seite dein Papa, der mit mir durchs Krankenhaus spaziert, im Garten ein paar Runden dreht, Treppen rauf und runter steigt – sich mit mir die Zeit vertreibt. Bis die ersten Wehen kommen, vergehen Stunden. Ob es heute noch geschehen wird? Wir wissen es nicht!

Der Tag neigt sich langsam dem Ende zu, als ich mit leichten Wehen in die Badewanne steige. Endlich! Bei Entspannungsmusik, warmen Wasser, Kerzenschein und ätherischen Ölen kann ich die ersten Wehen gut veratmen. So kann es bleiben, denke ich! So ist es schön! Meine Gedanken sind bei dir. Bei unserer gemeinsamen Reise bis hierher. Bald würde diese Reise zu Ende gehen und ein neues Abendteuer beginnen.

Um die 20igste Woche herum habe ich dich zum ersten Mal gespürt. Ganz sanft. Eine zarte Berührung von innen. So, als würden mich die Flügel eines Schmetterlings streifen. Aus diesen sanften, zarten Berührungen wurden in den darauffolgenden Wochen starke Tritte. Du hast dich bemerkbar gemacht und ich wusste, dass du einen starken Willen hast. Ich konnte es fühlen. Immer dann, wenn ich eine Pause vom Alltag brauchte und die Füße hochlegen wollte, hast du mir gezeigt, dass du „da“ bist. Nachts warst du am aktivsten und ich habe mir gewünscht, dich einfach nur in den Arm nehmen zu können um dich zu beruhigen. Mit deinen heftigen Tritten links und rechts, oben und unten hielts du mich wach. Spazieren gehen half. Oder wenn Papa seine Hände auf meinen Bauch legte. Dann wurdest du wieder ruhig.

Und wie ich so in der Badewanne liege versuche ich mir vorzustellen, wie es denn sein wird. Wenn ich dich endlich in den Armen halten kann. Dich tragen kann, wenn du unruhig bist. Dich ganz nah bei mir halten, deinen Atem, deinen Herzschlag, ja – sogar deine Tritte von außen spüren kann.

Das wohlig warme Gefühl von Wasser, das mich umhüllt, währt nicht allzu lange. Ich finde mich nach einer erneuten Untersuchung auf der Liege wieder; eine starke Wehe später ein „Knacks“ – die Fruchtblase ist geplatzt. Sekunden später merke ich, wie es nass zwischen meinen Beinen wird. Nicht ganz so wie im Film, aber immerhin nimmt die Geburt langsam Fahrt auf. Mittlerweile sind dein Papa und ich schon über 16 Stunden wach. Ich bin müde, er sicherlich auch, nur lässt er es sich nicht anmerken. Trotz aller Müdigkeit steht mir jetzt etwas bevor, das im Nachhinein betrachtet, das wohl Härteste sein wird, was ich je in meinem Leben gemacht habe. Es heißt ja oft, dass es bei Erstgebärenden nicht einfach so „flutscht“ – aber wie sehr habe ich mir etwas mehr Leichtigkeit in diesem Prozess gewünscht!

Obwohl ich diejenige bin, die gerade ein Kind zur Welt bringt, fühle ich mich wie ein Passagier auf einem Boot bei sehr hohem Wellengang. Quasi ohne Kontrolle über das Geschehen. Die Wehen kommen in sehr kurzen Abständen, werden immer schmerzvoller. Ich wünsche mir, nein, ich flehe die Hebamme an, einen Kaiserschnitt zu veranlassen. Doch dazu gibt es keine Notwendigkeit, meint sie, bestärkt mich, dass ich es schaffen werde. Eine PDA soll gelegt werden, um mir die nötige Schmerzlinderung und damit eine kleine Pause zu verschaffen. Doch es soll nicht sein. Die Ärzte schaffen es nicht, eine sichere Leitung zu legen ohne zu riskieren, dass ich am Ende noch Querschnittgelähmt bin.

Es sind harte Stunden. Für uns alle. Für deinen Papa, für mich. Aber auch für die Ärzte und Hebammen, die in voller Besatzung deine Geburt begleiten. Und am Ende, kurz vor 3 Uhr Früh mit vereinten Kräften mithelfen. Endlich ist es da, das lang ersehnte „Flutschen“…

Im Moment deiner Geburt blieb für mich die Zeit stehen. Wie vor 10 Monaten, als ich früh morgens den Test gemacht habe. Du hast den Zeitpunkt bestimmt. Du warst bereit. Und wir waren es auch. Ich blickte stundenlang auf das Testergebnis. Konnte es nicht glauben. Mein Glück nicht fassen. Auch wenn die darauffolgenden Tage manchmal ewig erschienen, die Nächte immer schlafloser wurden, du uns hast warten lassen, du dir die Zeit genommen hast um zu reifen, zu wachsen – im Grunde verging die Zeit doch wie im Flug.

Mein erster Gedanke, als die Hebamme dich zwischen meinen Beinen hochhebt ist nur: Bitte atme! Denn schreien hören wir dich nicht. Du bist ganz ruhig. Ich blicke zu deinem Papa, der diesen hoffnungsvollen Gesichtsausdruck hat. Es ist geschafft. Endlich!

Ja du atmest. Die Hebamme legt dich auf meinen nackten Oberkörper. Ich spüre deine Wärme auf meiner Brust. Und auch wenn ich benebelt bin von dem ganzen Lachgas, welches sie mir für die Schmerzen verabreicht hatten, sauge ich diesen Moment auf wie ein Schwamm. Mein Kind! Unser Kind! Du bist da, du atmest, es geht dir gut.

An die darauffolgenden Stunden kann ich mich nur noch vage erinnern. Aber ich erinnere mich daran, dass es sofort da war. Das Gefühl, von dem ich nur zu gerne vor der Geburt gewusst hätte, wie es sich anfühlt. Liebe. Diese Liebe zum eigenen Kind übersteigt alles, was ich bis dahin gefühlt habe. Wenn das Herz ins Unermessliche wächst, keinen Platz mehr hat in der Brust. Wenn man die Schmerzen und die Anstrengung der vergangenen Stunden innerhalb von Sekunden wieder vergisst. Weil dieses Wesen alles wieder gut macht!

Wir genießen die Zeit als Familie. Diese einzigartigen, niemals wiederkehrenden ersten Momente als Familie. Als Eltern erleben wir eine neue Rolle. Diese Aufgabe, von nun an für einen Menschen zu sorgen. Bedingungslose Liebe. Stolz, den man nicht in Worte fassen kann. Und wir lernen dich kennen – obwohl, wir kennen dich ja eigentlich schon.

Du strampelst, du lächelst, du weinst, du schläfst. Du zeigst uns auf deine Art, was du willst. Was dir gut tut. Wir erkennen so viel wieder, was wir bereits in den Monaten der Schwangerschaft erleben durften. Und uns wird klar, du bist kein unbeschriebenes Blatt. „Wenn ein Mensch geboren wird, ist er bereits neun Monate alt!“


In unseren Armen wirst du ruhig, schläfst ein, hältst mit deinen kleinen Händen unsere Finger fest.

Keine Angst, wir lassen dich nicht mehr los.