Lebe jetzt die Fragen

Oktober. 2015

Ich ziehe meine Winterjacke über, packe den Schlüssel ein und verlasse die Wohnung. Es ist mittlerweile richtig kalt geworden in Innsbruck. Für mein Masterstudium bin ich hierher gezogen. Heute findet in der Messehalle das offizielle „Semester Opening“ statt. Lange habe ich nicht mehr Zeit, 10 Minuten verleiben noch, bis der Direktor seine Ansprache hält. Dennoch mache ich Halt an dem Ort, wo ich im September 1998 eingeschult wurde. Die Volkschule in Saggen existiert noch immer. Sie kommt mir immer noch so pompös vor wie damals.

Vor dem Schultor warten Eltern ungeduldig auf ihre Sprösslinge. Und dann plötzlich ist es wieder da. Dieses Gefühl! Langsam schießen mir die Tränen in die Augen und so sehr ich auch versuche, sie zurückzuhalten, es geht nicht mehr. Schnell hole ich ein Taschentuch aus meiner Tasche und wische über meine Wangen. Da ist sie wieder. Diese quälende Frage nach dem Warum? Warum musste mich damals meine Mama alleine hierher bringen. Warum konnten wir nicht als Familie gemeinsam meine Einschulung feiern? Er fehlt. Immer. Jeden Tag. Und heute wieder ein bisschen mehr.

Bevor mich jemand sieht, biege ich um die Ecke und gehe Richtung Spielplatz. Lange bin ich nicht mehr an diesem Ort gewesen. Nichts ist mehr wie früher. Die Schaukel, die ich zu meinem Freund erklärt habe ist nicht mehr da. Ein Zaun soll verhindern, dass Passanten die Grünfläche betreten. Ich schaue auf die Uhr. 17 Uhr. Ich drehe mich um und überquere die Straße.

Es ist, als würde ich durch die Zeit reisen.

Hätte mir vor 18 Jahren jemand gesagt, dass ich irgendwann einmal im letzten Studienabschnitt sein würde, ich hätte ihn wahrscheinlich für verrückt erklärt. Und da bin ich jetzt, wieder in Innsbruck, die Stadt ist dieselbe geblieben und ich? Wer bin ich?

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Habe Geduld
gegen alles Ungelöste in deinem
Herzen
und versuche,
die Fragen selbst liebzuhaben,
wie verschlossene Stuben und wie
Bücher,
die in einer sehr fremden Sprache
geschrieben sind.
Forsche jetzt nicht nach den
Antworten,
die dir nicht gegeben werden können,
weil du sie nicht leben könntest.
Und es handelt sich darum:
alles zu leben.
Lebe jetzt die Fragen!
Vielleicht lebst du dann allmählich,
ohne es zu merken,
eines fernen Tages
in die Antwort hinein.
Rainer Maria Rilke


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